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Ein grosses Leben beginnt selten mit perfekten Voraussetzungen

Wir haben eine merkwürdige Beziehung zum Anfangen.


Wir wollen anfangen, aber erst, wenn es sich richtig anfühlt. Wenn die Kinder älter sind. Wenn der Job ruhiger wird. Wenn wir mehr Zeit haben, mehr Geld, mehr Sicherheit. Wenn wir endlich wissen, dass es klappt. Dieses Wenn-dann-Denken klingt vernünftig. Es fühlt sich an wie Vorsicht, wie Verantwortungsbewusstsein, wie kluge Strategie. Aber meistens ist es etwas anderes: Aufschub, verkleidet als Planung.Und das Tückische daran ist, dass es sich so verdammt vernünftig anfühlt. Ich weiss, wovon ich spreche. Nicht aus Büchern. Sondern aus meinem eigenen Leben.



Mit 17 bin ich in die Schweiz gekommen. Ohne ein einziges Wort Deutsch. Ohne Plan. Ohne Netz. Mit einem Koffer voller Hoffnungen und dem stillen Wunsch, dass sich irgendetwas öffnen würde, wenn ich nur mutig genug wäre, loszugehen. Es hat sich geöffnet. Aber nicht sofort. Und nicht unter perfekten Voraussetzungen. Ich habe hinter der Kasse gestanden, Burger gewendet, Böden gewischt und Deutsch aus Büchern gelernt, die links Deutsch und rechts Portugiesisch hatten. Ich habe in einer Zeit, in der mein Kontostand mich täglich an die Realität erinnerte, eine schlecht bezahlte Praktikumsstelle angenommen – und damit meine Schwiegermutter in eine kleine Lebenskrise gestürzt. Ich habe Weiterbildungen gemacht, wenn andere schliefen. Ich habe Rechnungen ins Archiv eingeordnet und dabei davon geträumt, dass es irgendwann mehr sein würde als das. Und ich habe trotzdem angefangen. Immer wieder. Immer neu. Meistens ohne dass alles bereit war.


In meiner heutigen Arbeit als HR-Führungskraft habe ich über viele Jahre Menschen in unterschiedlichsten Lebensphasen begleitet. Menschen mit echten Fähigkeiten, mit Ideen, die es wert gewesen wären, verfolgt zu werden. Viele von ihnen haben gewartet, vor allem Frauen. Auf eine bessere Stelle. Auf die richtige Gelegenheit. Auf den abgeschlossenen Kurs, auf mehr Berufserfahrung, auf ein klares Zeichen. Auf den Moment, in dem sich endlich alles richtig anfühlt.


Manche warten heute noch.


Und gleichzeitig habe ich andere beobachtet, die unter schwierigeren Voraussetzungen angefangen haben. Nicht weil sie mutiger waren. Nicht weil sie mehr wussten oder besser vorbereitet waren. Sondern weil sie irgendwann verstanden hatten: Die perfekten Bedingungen kommen selten. Und man kann nicht ewig auf sie warten.


Was diese Menschen unterscheidet, ist nicht Talent. Nicht Glück. Nicht ein besserer Start: Es ist die Entscheidung, trotzdem zu beginnen. Das bedeutet nicht, leichtsinnig zu sein. Es bedeutet etwas Subtileres: zu verstehen, dass Klarheit oft nicht vor dem Anfangen kommt. Sie kommt durch das Anfangen.


Wir warten auf ein Gefühl von Bereitschaft, das wir nur durch Tun bekommen können. Wir warten auf Sicherheit, die sich erst durch Erfahrung aufbaut. Wir warten auf Mut, der meistens erst dann wächst, wenn wir trotz Angst einen ersten Schritt gemacht haben.


Ich habe mein Buch nicht geschrieben, weil alles perfekt war. Ich habe es geschrieben, weil mich ein Gedanke nicht mehr losgelassen hat. Weil irgendwann der Moment kam, in dem das Warten schwerer wurde als das Anfangen. Weil meine Vorgesetzte mir nach einem Mittagsgespräch sagte: «Diese Geschichte könnte andere Menschen inspirieren». Und weil ich irgendwann aufgehört habe zu fragen, ob ich schon weit genug bin dafür.


Ich startete sofort. Noch am gleichen Abend.

Und das ist vielleicht der wichtigste Tipp, den ich weitergeben kann: Mach es jetzt. Nicht morgen. Nicht wenn alles bereit ist. Jetzt – egal wie klein der erste Schritt ist.


Und ich baue diese Plattform nicht, weil ich jetzt endlich fertig bin. Ich baue sie, weil jetzt der richtige Moment ist, auch wenn er nicht perfekt wirkt. Und er ist wirklich nicht perfekt. Ich arbeite als HR-Führungskraft, bin Mami von zwei Teenagern, schmeisse Haushalt und Eheleben, und die Schwiegermutter – naja, die bleibt eine Konstante im Leben. Aber ich starte. Das Buch ist geschrieben. Jetzt reserviere ich mir einige Stunden am Wochenende, schiebe ein Paar "Nachtschichten" und baue mein Ding. Die schmutzige Wäsche, der Boden zum Staubsaugen, die Einkäufe – das kann warten. Oder jemand anderes erledigt es.

Denn der perfekte Zeitpunkt ist eine Illusion, die wir uns erzählen, solange wir Angst haben. Das echte Leben passiert im Jetzt. Im Unordentlichen. Im Noch-nicht-Fertigen. Im Trotzdem.


Ich denke manchmal an all die Menschen, die ich kenne (Frauen vor allem) die so viel in sich tragen und trotzdem zögern. Die so viel zu geben hätten und trotzdem warten. Nicht weil sie schwach wären. Sondern weil wir alle irgendwie gelernt haben, dass man erst liefern muss, bevor man sich zeigen darf. Dass man erst weit genug sein muss, bevor man losgehen darf. Dass man erst ankommen muss, bevor der eigene Weg wirklich zählt.


Ich war auch eine von ihnen. Ich habe ebenfalls gewartet. Gezweifelt. Mich kleiner gemacht, als ich war. Mich gefragt, ob das, was ich zu sagen habe, wirklich relevant ist.

Aber vielleicht stimmt dieses Bild gar nicht. das Bild, das wir uns vom richtigen Anfang machen. Vielleicht zählt der Weg nicht trotz der Umwege und Unfertigkeiten.

Sondern genau wegen ihnen, denn: Ein grosses Leben beginnt selten mit perfekten Voraussetzungen. Aber es beginnt. Und genau das ist der Unterschied, der alles verändert. Nicht der Mut, der keine Angst kennt. Nicht der Plan, der keine Lücken hat. Nicht die Geschichte, die sich von Anfang an rund anfühlt.

Sondern die Entscheidung: Ich fange trotzdem an.


Ich habe das selbst erlebt. Mit 17, in einer Küche voller Big Macs und einem Wörterbuch in der Tasche. Und ich erlebe es heute wieder, auf eine andere Art, mit dieser Webseite, mit diesem Projekt, mit diesen Worten.


Der Start war damals nicht perfekt. Er ist es heute auch nicht. Aber er ist echt. Er ist meiner. Und das reicht.


Welche Voraussetzung glaubst du noch zu brauchen, bevor du losgehst? Und was wäre, wenn du auch ohne sie beginnen dürftest?


Deine Iria

 
 
 

1 Kommentar


R.M.
22. März

Ich fühl das total. Dieses ständige Warten auf den „richtigen Moment“, und am Ende kommt er nie.


Dein Text hat mich echt daran erinnert, dass man oft einfach anfangen muss, auch wenn’s sich noch nicht perfekt anfühlt. Gerade dieser Gedanke, dass Klarheit erst durchs Tun kommt… der sitzt.


Danke fürs Teilen, hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht 🙏

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